Warum die Motorsport-Zukunft dem Rallycross gehören könnte

Bringen Elektro-Renner den Durchbruch?

Bild: FIAWorldRallycross.com

Ob es die Fans wahrhaben wollen oder nicht: Die Zukunft des Motorsports liegt in der Elektrifizierung. Vielleicht nicht nur, aber mehr denn je. Spätestens nach dem Diesel-Skandal haben Verbrennungsmotoren ein Imageproblem. Plötzlich erscheinen Engagements im Motorsport in den Vorstandsabteilungen der Automobilhersteller politisch ziemlich unkorrekt. Mercedes stieg aus der DTM aus, Audi fährt nicht mehr in der WEC und in Le Mans und VW cancelte Ende 2016 kurzfristig das Rallye-WM-Programm – der fertig entwickelte VW Polo R WRC des Jahrgangs 2017 wanderte ohne einen einzigen Rennkilometer ins Museum.

Während die Traditionsserien also empfindliche Verluste hinnehmen mussten, boomt mit der Formel E eine neue Elektro-Rennserie – zumindest was das Interesse der Werke angeht. Mit Audi ist zum Start in die  Saison 2017/18 erstmals auch ein deutscher Autobilhersteller werksseitig in der Serie involviert. Die Konkurrenz von BMW, Mercedes und Porsche steht bereits in den Startlöchern. Kein Wunder, legitimiert die Elektrifizierung des Antriebs doch wieder Rennerei auf höchstem höherem Niveau. Motorsport ist politisch wieder überaus korrekt – und die Formel E der große Profiteur.

Die Formel E boomt

Eine Folge: Auch bei den öffentlich-rechtlichen TV-Sendern ist die Formel E in den Fokus gerückt. Nach dem Ausstieg aus der DTM-Übertragung prüfen ARD und ZDF neue Motorsport-Optionen. „Ob und in welcher Form die Formel E in der ARD stattfinden kann, prüfen wir in der nächsten Zeit“, sagte ARD-Sportkoordinator Axel Balkausky kürzlich dem Portal Motorsport-Total.com.

Rallycross-WM: Volle Tribünen, satte Action. Bild: Audi
Rallycross-WM: Volle Tribünen, satte Action. Bild: Audi

Von einer regelmäßigen Berichterstattung im (deutschen) Fernsehen kann der Rallycross aktuell nur träumen, auch wenn sich dank der Einführung der FIA Rallycross WM (WRX) in den letzten Jahren einiges entwickelt hat.

Rallycross nur Nischen-Sportart

Auch Audi-Motorsport-Chef Dieter Gass bestätigt die positive Entwicklung: „In den vergangenen Jahren hat Rallycross unglaublich an Popularität gewonnen. Man sieht das auch daran, dass wir nicht der einzige Hersteller sind, der sich engagiert.“

"Und ich so: "Drauf auf den Pin und Vollgas" - WRX-Pilot Mattias Ekström im gespräch mit Audi-Motorsportchef Dieter Gass. Bild: Audi
„Und ich so: Drauf auf den Pin und Vollgas“ – WRX-Pilot Mattias Ekström im Gespräch mit Audi-Motorsport-Chef Dieter Gass. Bild: Audi

Bei genauerer Betrachtung könnte dem Rallycross sogar die motorsportliche Zukunft gehören.

Warum? Es ist kein Geheimnis, dass der Motorsport gleichzeitig vor allem die Bedürfnisse und Erwartungen der drei Parteien Zuschauer, Hersteller/Teams und Medien erfülllen muss, wenn er (wirtschaftlich) erfolgreich gestaltet werden soll.

Großes Potenzial

Nicht erst seit gestern bietet Rallycross – insbesondere nach der Einführung der WM mit zahlreichen Stars und werksunterstützten Teams – ein Unterhaltungspotenzial, das nicht viele andere Serien erreichen. Dem knallharten Duell Mann-gegen-Mann und spektakulären Driftwinkeln sei dank. „Es sind spektakuläre Veranstaltungen, die zuschauerfreundlich sind und Motorsport zum Anfassen bieten“, schwärmt Audi-Mann Gass.

Maximal quer: Ex-Hoonigan-Pilot Andreas Bakkerud im Ford Focus RS RX
Maximal quer: Ex-Hoonigan-Pilot Andreas Bakkerud im Ford Focus RS RX. Bild: FIAWorldRallycross.com

Was das Format angeht, dürfte Rallycross sogar die fernsehfreundlichste Motorsport-Disziplin überhaupt sein. Die häppchenweise gereichte Darbietung spektakulären Motorsports auf höchsten Niveau eignet sich hervorragend für die Werbevermarktung durch die Sender: Dank der zahlreichen, zwar actiongeladenen, aber nur wenige Minuten langen Rennen können Werbeblöcke eingestreut werden, die – anders als in anderen Serien – die Action eben nicht unterbrechen.

Bringen E-Autos den Rallycross-Durchbruch?

Die Vorzeichen stehen also schon jetzt ganz gut. Doch den internationalen Durchbruch könnte die Elektrifizierung des Rallycross in den nächsten Jahren bringen. Für die Automobilhersteller wird die Elektromobilität schließlich auch in den nächsten Jahren eines der vorherrschenden Themen sein.

Der zweifache DTM-Champion und Rallycross-Weltmeister von 2016 Mattias Ekström bestätigt: „Ich denke mit einer eigenen Elektroserie kann Rallycross was richtig Großes werden. Davon bin ich überzeugt“. Mit herkömmlichen Benzinmotoren bliebe die Serie in der Nische. Elektroautos seien nötig, um die Hersteller in die Serie zu ziehen. „Als Komplementär zur Formel E könnte Rallycross eine Vorreiterrolle im Elektrorennsport spielen.“

An einer Rallycross-E-Serie arbeiten WRX-Promoter IMG und die FIA bereits.

Acht Hersteller arbeiten an einem E-Rallycross-Format

Wenn die beiden Parteien ab 2020 eine eigene Rallycross-Elektro-Kategorie an den Start bringen, könnten die Hersteller – wie bei der Formel E – Schlange stehen. Die bereits im Rallycross aktiven Werke – Volkswagen, Audi und Peugeot – haben ihre Forderungen bereits deutlich formuliert;

  • Audi-Motorsport-Chef Dieter Gass: „Ein wichtiger Faktor für uns ist (…) auch, dass im Rallycross mittelfristig der Einsatz von Elektrofahrzeugen möglich sein könnte. Das Thema Elektrifizierung steht bei uns im Fokus.“
  • Volkswagen Motorsport-Chef Sven Smeets spricht vor dem Hintergrund der neuen VW-Produktstrategie, bei der Elektro-Autos im Vordergrund stehen, bewusst von einer Neuausrichtung der Motorsport-Aktivitäten. „Eine E-WRX wäre eine der ersten Serien, die wir uns genau anschauen würden, weil sie unsere Anforderungen erfüllen würde“, verriet Smeets dem Motorsport-Magazin Autosport.
  • PSA-Europa-Chef Maxime Picat:Rallycross ist ein Format mit viel Potenzial. Wir werden definitiv zur Entwicklung einer Elektroauto-Kategorie beitragen. Wir können viel gewinnen, wenn wir die neuen Energien in den Motorsport bringen. Das sollten wir im Rallycross so schnell wie möglich tun“, sagte Picat gegenüber Interex Motorsport.
Sven Smeets. Bild: Volkswagen
Kann sich für E-Rallycross erwärmen: VW-Motorsport-Chef Sven Smeets. Bild: Volkswagen

Schon jetzt arbeiten mit Audi, BMW, Ford, Jaguar, Nissan, Peugeot, Volvo und Volkswagen acht Marken in der FIA E-Rallycross-Projektgruppe am Reglement. Im Frühjahr 2018 sollen die technischen und organisatorischen Rahmenbedingungen stehen.

Vorbehalte bei den Rallycross-Fans

Dass eine Elektrifizierung des Rallycross nicht bei allen ankommt, ist keine große Überraschung. In einer von worldrallyx.de durchgeführten Umfrage lehnte fast jeder Zweite Elektro-Rallycross kategorisch ab (48%). Nur 20% würden E-Rallycross explizit begrüßen. Aber immerhin fast ein Drittel der 209 befragten Rallycross-Fans würde E-Rallycross eine Chance geben, wenn das Format stimmt (32%).

Das Ergebnis der worldrallyx.de-Umfrage (2.1. bis 3.1.2018) zur Akzeptanz von E-Rallycross.
Das Ergebnis der worldrallyx.de-Umfrage (2.1. bis 3.1.2018) zur Akzeptanz von E-Rallycross.

Positiv interpretiert sind 52% einer E-Kategorie gegenüber offen eingestellt. Allerdings zeigt das Umfrageergebnis auch, dass Rallycross mit E-Autos kein Selbstläufer sein würde. FIA, WRX-Promoter IMG und die Werke sind gefordert, Rahmenbedingungen zu schaffen, die sowohl von einem großen Teil der bestehenden Fan-Gemeinde angenommen werden als auch neue Fan-Gruppen erschließen.

Eine Möglichkeit wäre, ähnlich der Formel E eine ganz neue E-Rallycross-WM mit eigenen Events zu starten. Eine andere, eine E-Supercars-Kategorie zu schaffen, die im Rahmen-Programm der Rallycross-WM zusätzlich zu den bestehenden Supercars in einem eigenen Championnat an den Start geht. In beiden Fällen könnte die Supercars-Kategorie wie gehabt von Privatteams dominiert werden, während die E-Supercars von den Werken gestellt werden.

Mattias Ekström: Leistung in der Formel E stimmt nicht

Gegenüber der Formel E, die bei den meisten Hardcore-Fans schlicht nicht ernst genommen wird, habe E-Rallycross laut Audi S1 WRX Fahrer Mattias Ekström immerhin einen ganz wesentlichen Vorteil: Ihre Leistung. Zwar sei die Formel E „toll, aber die Leistung stimmt nicht“.

Für die E-Kategorie der Rallycross-WM sind Autos im Gespräch, die mit 800 PS ganze 200 PS mehr leisten würden als die heute bekannten Verbrenner-Supercars der Rallycross-WM. „Die Elektroautos, über die wir für Rallycross diskutieren, die würden schneller sein als die, die wir heute fahren“, so Ekström.

800 PS starke Elektro-Renner in der Rallycross-WM

Zudem zieht Rallycross einen Großteil seiner Faszination nicht nur aus dem Sound der 600 PS starken Boliden, sondern aus der Rennaction und den kurzen Rennen, bei denen stets eine Handvoll Piloten – meistens im spektakulären Drift – um den Sieg fährt. Dabei wird der ein oder andere Lackaustausch gerne in Kauf genommen – sehr zur Freude der Fans.

VW Polo GTI RX. Bild: FIAWorldRallycross.com
VW Polo GTI RX. Bild: FIAWorldRallycross.com

Einen weiteren Vorteil nennt VW-Motorsport-Chef Smeets: Für seine Marke sei klar, „dass wir uns nur dann als Werksteam engagieren, wenn die Autos sehr nah dran sind an den Straßenprodukten“ – eine klare Absage an die Formula E als weitere mögliche E-Motorsport-Alternative.

Ex-Rallye-Weltmeister und Rallycross-WM-Pilot Petter Solberg freut sich bereits auf E-Rallycross: „World Rallycross kommt jetzt wirklich, wir haben das in den letzten Jahren gesehen. Und das Elektro-Auto ist der nächste Schritt für die Serie“.

Über Moritz Nolte 80 Artikel
Moritz Nolte arbeitet als Motorjournalist und Social-Media-Berater für die Automobilindustrie. Bereits seit 2007 schreibt er im Kundenauftrag Motorsportreportagen - unter anderem für Opel Motorsport und Bilstein. Seit 2017 betreibt er worldrallyx.de. Privat ist Moritz als begeisterter Trackday-Fahrer auf Europas Rennstrecken mit seinem Toyota GT86 unterwegs.